Zurück

 
Leseprobe:
 

Die kleine Ortschaft Granlund liegt direkt an einem schmalen Fjord auf einer Halbinsel. Nicht mehr als dreißig Leute leben hier, die meisten ältere und alte Leute. Die Jungen sind zumeist in den Süden Norwegens gezogen. Sie scheuen die rauen Winter und ziehen der Arbeit nach, die es natürlich in den größeren Städten des Südens mehr gibt. Es ist ein ruhiges Leben hier. Die Leute besuchen einander, treffen sich sonntags beim Spaziergang auf dem Schotterweg, der an den Häusern entlang führt, immer parallel zum Ufer. Das heißt, nicht alle fügen sich so gut in diese kleine Gemeinschaft, einige halten sich total abseits, besuchen niemanden und werden von niemandem besucht. So der bereits genannte Jan Otto. Der einzige Kontakt zu den Leuten besteht in seiner Eigenschaft als Fischverkäufer. Dabei braucht man aber nicht viel zu reden. Fischart, Gewicht, Preis. Das passt den meisten nicht, aber sie kaufen trotzdem den Fisch lieber bei ihm, weil er so billig ist. Da kommen auch Käufer aus der näheren und weiteren Umgebung. Was Evald, der bis vor kurzem der einzige gewesen war, der so nebenbei frischen Fisch verkauft hatte, zunehmend ärgert. Und das ist auch das einzige über das er spricht, wenn Besuch da ist, oder wie jetzt Herbjörg, die nach Heilbutt fragt.
"Weil du es bist", sagt Evald und holt einen Packen Filet aus dem Tiefkühlschrank, "der Schweinehund hat ja mit seiner kilometerlangen Leine alles weg geholt. Was hab ich früher für schöne Heilbutts gefangen, eigentlich das ganze Jahr über. Jetzt ist es etwas ganz Besonderes."
"Du könntest doch auch eine Leine legen", schlägt Herbjörg vor.
Darauf geht aber Evald nicht ein. "Kommt hierher, angeblich weil er Sehnsucht nach der Heimat hatte und fängt mir die Fische und die Kunden weg. Als junger Kerl ist er in den Süden, hat sich ne goldene Nase verdient und jetzt als Rentner kommt er zurück ins Elternhaus und glaubt, wir freuen uns alle."
"Aber wir freuen uns doch auch, wenn mal einer dazu kommt und nicht nur alle immer wegziehen."
"Was habt ihr denn von dem?", höhnt Evald. "Der spricht doch mit keinem, den sieht man nie, außer auf dem Wasser, wo er seine kilometerlangen Netze und Leinen auslegt. Was habt ihr von dem? Und Kommunist ist er auch noch geworden!"
"Jan Otto Kommunist? Wie kommst du denn da drauf?"
"Setzen die Kommunisten nicht überall ihre rote Fahne hin? Und jetzt ist unser Fjord auch kommunistisch geworden."
Herbjörg lacht. "Ach, du meinst seine Netzbojen mit der kleinen Fahne dran."
"Ne rote Fahne ist ne rote Fahne. Sieht man doch. Was habt ihr von so einem?"
Das mit der Fahne war natürlich ein Witz, ansonsten hat er wohl Recht. Die Gemeinschaft hat nichts von so einem, der sich immer nur ausschließt. Aber die Leute haben Evalds Tiraden allmählich satt. Bald wird er auch den letzten Kunden vergrämt haben. Und so teuer, wie der ist.
"2 ½ Kilo, 150 Kronen."
Herbjörg packt den Fisch in ihre Einkaufstüte und verlässt Evald nach einem kurzen Gruß. Vielleicht hätte sie doch lieber zu Jan Otto gehen sollen, der Evald wird langsam ausverschämt, vermutlich, weil so wenig Kunden zu ihm kommen. Und dann seine ewige Meckerei auf Jan Otto. Sie mag den Mann auch nicht besonders, das hat noch seine Gründe in der Vergangenheit, aber auch deshalb, weil er sich aus allem ausschließt. Auf Facebook soll er ja viel schreiben, doch sie benutzt so was nicht, hat keine Lust mehr, auf ihre alten Tage damit anzufangen. Obwohl, Norma ist ja noch älterů Also im Internet ist er ein ganz anderer, rede- bzw. schreib- und erzählfreudig. Sie liest es manchmal, wenn sie Oddbjörg besucht, die ganz wild nach diesem ganzen Klatsch ist. Sie wird sich jedenfalls an diesem Kleinkrieg zwischen den Beiden nicht beteiligen.

***

Endlich ist Frühling, der Schnee ist geschmolzen, hält sich nur noch in einzelnen Placken an den Berghängen. Das dörfliche Leben geht weiter seinen friedlichen Gang, auch Jack hat seine Schafe aus dem Stall entlassen.
Auf dem Wasser sieht man an windstillen Tagen Evald, der geruhsam den Köder von der Spindel ins Wasser lässt und Fische aus dem Wasser hebt. In den Morgenstunden ist bereits Jan Otto auf dem Wasser, holt seine Netze ein und legt sie gleich wieder aus, manchmal sogar an der gleichen Stelle. Dann hat er dort Fisch gefangen. Es ist also alles wie immer.
Evald hat noch nicht alle seine Käufer vergrämt. Signor holt sich nach wie vor frischen Fisch, wenn er aus der Stadt wieder zu seiner Hütte gefahren ist, das kommt alle vier bis sechs Wochen vor. Und nun hat er also Appetit auf frischen Seelachs von Evald.
"Frischen kannst du noch nicht bekommen, den gibt's erst im Sommer, aber eingefrorenen kannst du haben."
Signor will keinen eingefrorenen, da nimmt er lieber Dorsch vom Vortag und fragt wie beiläufig nach Jan Otto. Weil es ihn eigentlich auch immer amüsiert, wie Evald sofort zu schimpfen beginnt. So auch diesmal.
"Jetzt wird er ganz verrückt. Ist zu faul, die Netze täglich einzuholen, macht ja auch viel Arbeit, kann ich mir vorstellen, jetzt lässt er sie einfach liegen. Dass seine Kunden das mitmachen. Die liegen jetzt schon drei Tage, ohne dass Sturm wäre oder so. Das ist die reine Faulheit. Die schönen Fische, die so vergammeln."
"Vielleicht ist er ja krank", versucht Signor.
Aber Evald schnauft nur verärgert, murmelt wieder etwas von faul, nimmt das Geld und Signor verschwindet wieder.
Das war am Vormittag. Am Nachmittag hört man einen gellenden Schrei. Das heißt, es hören ihn nicht so viele, weil die Häuser viel zu weit auseinander stehen. Evald könnte ihn hören, wenn er nicht gerade wieder auf seinem Boot säße. Aber Norma hört ihn. Deren Häuser liegen jeweils nicht weiter als zweihundert, zweihundertfünfzig Meter entfernt von Jan Ottos. Norma und Edmund, ihr Mann, stehen bereits auf ihrer Terrasse, als eine Frau den Weg von Jan Otto zur Straße hinunter läuft. Als würde sie verfolgt, so sagen es später die beiden alten Leute. Übrigens die Ältesten in der Siedlung, beide schon über 80, aber noch sehr gut in Form, wie man hier sagt.
Norma hat die Frau angerufen, als sie an ihnen vorbeilaufen will, vielleicht hat sie die beiden auf der Terrasse nicht gesehen, schließlich liegt Edmunds Haus fünfzig Meter über dem Weg: "Kitty, was ist denn los?"
Kitty bleibt stehen.
"Komm hoch", ruft Norma.
Und als die Frau schwer atmend und kreideweiß im Gesicht bei ihnen ankommt, nimmt sie sie fürsorglich am Arm und meint: "Was immer du für ein Gespenst gesehen hast, ruh dich erst Mal aus und trink eine Tasse guten Kaffee, ich hab auch noch Kuchen von gestern."
"Keinen Bissen krieg ich runter", stöhnt Kitty und lässt sich auf einen Küchenstuhl plumpsen, "den Anblick vergess ich mein Lebtag nicht."
Kitty wohnt in Grundvag, keine 10 Kilometer von Granlund entfernt, natürlich kennt man sich. Sie kommt regelmäßig, um bei Jan Otto Fisch zu kaufen, erzählt sie, als sie wieder zu Atem und zu Stimme gekommen ist, aber das weiß Norma natürlich. Sie hat aus der noch bereit stehenden Thermoskanne Kaffee eingeschenkt, auch ein Stück Kuchen abgeschnitten, beides vor die aufgeregte Frau hingestellt.
"Nun red endlich", knurrt nun Edmund, "welcher Geist ist dir über den Weg gelaufen?"
Warum die Männer immer so ungeduldig sind, denkt Norma, man muss die Leute einfach reden lassen, dann erfährt man schon, was man will.
"Alles voller Blut", ächzt die Frau. "Und darin lag ein Mann."
"Jan Otto?" "Weiß ich doch nicht, hab ihn nicht umgedreht, bin nur weg gelaufen. Aber wer soll es denn sonst sein?"
"Wir müssen die Polizei anrufen", sagt Norma resolut, sie scheint merkwürdig gefasst ob dieser Aussage. "Edmund mach du das, ich kümmer mich weiter um Kitty."

***