M
A N Z A O
Legenden um einen Flüchter

Vorspruch
Ich bin Manzao. Geboren wurde ich in einer Zeit, als Brunnenvergifter das Trinkwasser
des Landes ungenießbar gemacht hatten. Selbst Baden war nicht möglich, da sich die Haut
nach der Berührung mit dem vergifteten Wasser sofort mit Pusteln übersäte. Das
Trinkwasser mußte in Flaschen vom Versorgungszentrum geholt werden. Als ich noch ein
Säugling war und ein Teil meiner Nahrung mit Wasser zubereitet werden mußte, gab es eine
Woche lang keine Flaschen zu kaufen. Die Mutter gab mir das Wasser aus dem Brunnen,
hoffend, daß der kräftige Knabe es überstehen würde. Aber ich wurde sehr krank. Jede
Nacht kam der Tod zu mir, still und abwartend, am Tage verschwand er.
In einer Nacht sprach er mich plötzlich an.
"Manzao", sagte er, "es wäre sinnvoll, dich jetzt schon mit mir zu
nehmen. Denn dein Leben wird so spurlos verrinnen, als hätte es dich nie gegeben. Du
wirst dem Sand einer Uhr gleichen, den man am Strand ausstreut."
"Was kann ich dagegen tun?" fragte ich erschrocken.
"Es gibt nur einen Weg", entgegnete der Tod, und aus seinem Totenschädel
heraus schien er dabei höhnisch zu grinsen, "du mußt jemanden finden, der dir
zuhört und in dessen Erinnerung du weiterlebst."
Er sah mich noch einmal mit diesem nun deutlich höhnischen Grinsen an, und bevor ich
noch etwas erwidern oder gar erbitten konnte, löste er sich vor meinen Augen auf.
Mein Schrecken schwand so schnell, wie er gekommen. Einen Zuhörer im Leben zu finden,
konnte wahrhaftig nicht so schwer sein, und gekräftigt durch diese Erkenntnis schlief ich
ein und erwachte am nächsten Morgen bei voller Gesundheit. Dann gab es auch wieder Wasser
zu kaufen.
Meine Mutter, der ich von diesem Gespräch mit dem Tod später, sehr viel später
erzählte, lachte und behauptete, ich wäre ein Säugling gewesen und somit der Sprache
nicht mächtig. Ich hätte ganz gewiß nur geträumt.
Ich vergaß diesen Traum, wie ich dieses Gespräch nun selbst benannte, für lange Zeit
und wuchs auf wie tausende Knaben meines Alters, erhielt die Lebensvorbereitung in der
zweiten Kindheit, besuchte erfolgreich die Anstalt zur Erziehung
persönlichkeitsabhängiger Bildung, absolvierte meine Pflichtzeit als Hüter des Ordens.
Doch hatte ich in der Zeit blühendster Zivilisation Erlebnisse, wie sie anderen nicht
vergönnt waren und die ich Ihnen als Angehörige späterer Generationen kundzutun mir
erlaube. Erlebnisse meiner Kindheit, meiner Jugend, auf meinen Reisen sind es, die mich
nun, da ich alt bin und an den Resten von Tabakkrümeln sauge, noch immer beschäftigen,
immer und immer wieder, und die ich Ihnen somit überliefere. |